So sahen sie aus
Die Spitze ragte weit über die Zehen hinaus und wurde mit Moos oder Werg ausgestopft, damit sie ihre Form behielt. Bei den längsten Varianten band man die Spitze am Bein fest, sonst blieb man daran hängen. Schutz oder Bequemlichkeit boten diese Schuhe überhaupt nicht.
- 12. Jh.Die Mode kommt nach Europa und bleibt zunächst eher zurückhaltend.
- 14. Jh.Die Spitze wird länger, eine Füllung kommt auf, und man beginnt, sie am Knie oder Knöchel festzubinden.
- 15. Jh.Städte und Herrscher begrenzen die Länge, oft abhängig vom gesellschaftlichen Rang des Trägers.
- 16. Jh.Die entgegengesetzte Form setzt sich durch: eine breite, stumpfe Spitze.
Die Verbote sollte man genau lesen: Sie beschränkten nicht die Schuhe selbst, sondern die Länge der Spitzen abhängig vom gesellschaftlichen Rang. Die Länge war also ein Statussignal, und die Obrigkeit hielt es für nötig, dieses Signal zu regulieren.
Ein Statussymbol funktioniert, wenn es schwer nachzuahmen ist. Unbequemlichkeit ist der Preis, den sich jemand, der mit Händen und Füßen arbeiten muss, nicht leisten kann.
Was die Knochen verrieten
Besonders interessant ist, dass diese Mode Spuren in den Skeletten hinterließ. Forschende verglichen Bestattungen aus derselben englischen Stadt aus verschiedenen Jahrhunderten und stellten fest: In der Zeit der schmalen, spitzen Schuhe nahm der Anteil der Menschen mit einer charakteristischen Fehlstellung der Großzehe stark zu.
Am deutlichsten zeigte sich das in den Bestattungen von Stadtbewohnern und Geistlichen - also von Menschen, die sich modische Schuhe leisten konnten. Bei den ländlichen Bestattungen aus derselben Zeit war der Anteil deutlich geringer.
Es gab noch einen zweiten Befund: Bei Menschen mit dieser Fehlstellung fanden sich häufiger Spuren von Brüchen, wie sie für Stürze typisch sind. Die Erklärung ist einfach und durchaus erwartbar - in instabilen, schmalen Schuhen kommt man leichter ins Straucheln, besonders im höheren Alter.
Auch das Ende der Mode ist bemerkenswert. Der Wechsel erfolgte schnell und in die entgegengesetzte Richtung: Die Spitze wurde breit und stumpf, stellenweise breiter als der Fuß selbst. Der Mechanismus blieb derselbe, nur das Signal änderte sich - die Unbequemlichkeit verlagerte sich einfach auf das andere Extrem.
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Quellen
- Der Anstieg der Häufigkeit von Fehlstellungen der Großzehe in spätmittelalterlichen englischen Bestattungen wird mit der Verbreitung schmaler, spitzer Schuhe in Verbindung gebracht
- in mehreren europäischen Städten wurden Beschränkungen für die Länge der Schuhspitzen eingeführt