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Warum Slawen sich vor Wegkreuzungen fürchteten

Miqo-Redaktion · 2 Quellen

Warum gerade eine Kreuzung

Das volkstümliche Weltbild teilte den Raum in das Eigene und das Fremde. Haus, Hof und Feld gehörten zum Eigenen, Wald und Sumpf zum Fremden, und die Grenze dazwischen galt als der unruhigste Ort. Eine Kreuzung war eine Grenze im reinsten Sinn: Sie gehörte zu keiner Straße.

Derselben Logik folgten Schwelle, Fenster, Badehaus und Brücke. Sie alle waren Orte des Übergangs, und um sie herum gab es die meisten Regeln: Über die Schwelle hinweg begrüßte man sich nicht, im Badehaus bekreuzigte man sich nicht, und auf einer Brücke wahrsagte man nicht ohne Not.

  1. Krankheit ablegen. Einen Gegenstand eines Kranken ließ man an einer Kreuzung zurück: Man glaubte, dass das Unglück mit demjenigen verschwinden würde, der ihn aufhob oder einfach daran vorbeiging.

  2. Wahrsagen. Man glaubte, an einem solchen Ort die Zukunft besser hören zu können, und Mädchen gingen in den Raunächten dorthin, um auf Geräusche zu lauschen.

  3. Ohne Ritus bestatten. Menschen, die nicht auf einem Friedhof bestattet werden durften, ließ man an einer Kreuzung zurück, außerhalb von geweihtem Boden, aber auch außerhalb des Dorfes.

  4. Nachts ausweichen. Nachts versuchte man, eine Kreuzung schnell zu passieren und sich nicht umzudrehen. Die Regel war einfach und blieb gerade deshalb lebendig.

Der erste Punkt erklärt auch ein bekanntes Verbot: Hebe keine fremden Sachen von der Straße auf. Dahinter stand nicht Sparsamkeit, sondern die Vorstellung, dass man zusammen mit dem Gegenstand auch das aufnahm, wofür man ihn dort hingelegt hatte.

Nicht nur bei den Slawen

Die Kreuzung als besonderer Ort findet sich in sehr unterschiedlichen Traditionen, von einer antiken Göttin der Wege bis zu Bräuchen in Westafrika und der Karibik. Die Übereinstimmung erklärt sich nicht durch Übernahme, sondern durch die Beschaffenheit des Ortes selbst: einen Punkt, an dem Wege zusammenlaufen und die gewohnte Ordnung nicht gilt.

Wichtig ist, dass wir über Vorstellungen sprechen, nicht über Eigenschaften der Landschaft. Ethnografen beschreiben, woran Menschen glaubten und wie sie handelten, und der Wert dieser Aufzeichnungen liegt gerade darin, dass sie zeigen, wie Menschen den Raum einteilten.

Spuren dieser Einteilung haben bis heute überdauert. Wegweiser, Kreuze und Gedenkorte an Weggabelungen setzen dieselbe Logik fort: Ein Grenzort braucht eine Markierung, sonst bleibt er ein Ort, der niemandem gehört.

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Warum galt eine Kreuzung als besonderer Ort?

Quellen

  1. In der ostslawischen Tradition zählt die Kreuzung neben Schwelle, Fenster, Badehaus und Brücke zu den Grenzorten
  2. mit ihr verbunden sind Rituale zur Befreiung von Krankheit, Wahrsagerei in den Raunächten und Bestattungen außerhalb von Friedhöfen. Ähnliche Vorstellungen von Kreuzungen sind in einer Reihe anderer Kulturen belegt

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