Eine Ordnung, die alles erklärt
Von außen wirkt es, als hätte jemand zuerst die Überzeugungen übernommen und sich dann der Gruppe angeschlossen. Ehemalige Mitglieder beschreiben die umgekehrte Reihenfolge: zuerst herzliche Aufnahme und neue Freundschaften, dann eine schrittweise Einbindung und erst danach Überzeugungen, die zu diesem Zeitpunkt bereits alle in ihrem Umfeld teilen.
Deshalb schützt Bildung davor nicht. Sie hilft dabei, Argumente zu prüfen, aber die Entscheidung wurde nicht aufgrund von Argumenten getroffen: Die Person bewertete die Lehre nicht, sondern blieb bei Menschen, die in einem schwierigen Moment für sie da waren.
In Kulte geraten naive und schwache Menschen.
Untersuchungen mit ehemaligen Mitgliedern finden bei ihnen weder eine besondere Beeinflussbarkeit noch ein niedriges Bildungsniveau. Gemeinsam ist ihnen etwas anderes: ein großer Umbruch kurz vor dem Beitritt und ein Mangel an engen Beziehungen in dieser Zeit.
Warum es schwer ist, zu gehen
Die Einbindung erfolgt meist in kleinen Schritten, von denen jeder den vorherigen übertrifft. Keiner davon wirkt entscheidend, aber innerhalb eines Jahres summieren sie sich so sehr, dass ein Rückzug bedeutet, alles auf einmal als Fehler anzuerkennen.
Der zweite Mechanismus ist das Abbrechen von Kontakten nach außen. Es wird selten als Verbot präsentiert: Häufiger heißt es, man sei beschäftigt, ziehe zu den anderen Gruppenmitgliedern oder Menschen außerhalb würden einen nicht verstehen. Nach einigen Monaten gibt es niemanden mehr, zu dem man gehen kann.
- Auf einmal nehmen Zeitaufwand und Verpflichtungen stark zu, aber niemand ist da, mit dem du darüber sprechen kannst.
- Der Kontakt zu früheren Freundinnen und Freunden ist weniger geworden, und dafür gibt es eine fertige Erklärung.
- Zweifel gelten als Zeichen von Schwäche und nicht als normaler Teil des Gesprächs.
- Gehen wird als Verrat oder Untergang beschrieben und nicht als Entscheidung.
- Informationen über die Gruppe kommen ausschließlich aus dem Inneren der Gruppe.
Das dritte und vierte Zeichen sind am zuverlässigsten. Anhand des Inhalts eines Glaubens lässt sich die Grenze nur schwer ziehen, anhand der Kosten des Austritts dagegen leicht: Wenn du nicht gehen kannst, ohne als verräterische Person bezeichnet zu werden, ist die Struktur der Gruppe bereits klar.
Über die Unterstützung nahestehender Menschen wissen wir vor allem eines: Über die Lehre zu streiten, schadet meistens. Es bestätigt, dass Außenstehende die Gruppe nicht verstehen, und verstärkt die Grenze. Das Gegenteil hilft: erreichbar bleiben und keine Bedingungen stellen.
Es hilft auch, die Kontakte nach außen zu bewahren. Menschen, die wenigstens noch ein Gespräch außerhalb der Gruppe führen, gehen deutlich häufiger, und genau deshalb ist es wichtig, nicht zu verschwinden - auch wenn die Gespräche selten und unangenehm geworden sind.
Auf wen zielt die Anwerbung für geschlossene Gruppen?
Welches Zeichen weist am zuverlässigsten auf ein Problem hin?
Quellen
- Untersuchungen mit ehemaligen Mitgliedern geschlossener Gruppen finden weder eine besondere Beeinflussbarkeit noch ein niedriges Bildungsniveau
- häufig gemeinsam sind ein großer Umbruch und eine Schwächung der sozialen Beziehungen zum Zeitpunkt des Beitritts
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