Das Kleid hielt sich nicht selbst
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Frauenkleider wie eine Hülle für eine vorgegebene Form geschneidert. Das Oberteil wurde steif und präzise geschnitten, ohne Spielraum und ohne Träger. Die Form kam von dem, was darunter saß: einem Korsett aus festem Stoff mit Verstärkungen aus Fischbein, Schilf oder Stahl. Es verwandelte den weichen Oberkörper in eine glatte Fläche, auf der das Oberteil faltenfrei saß.
Es hatte noch eine zweite Aufgabe, an die selten erinnert wird: Das Korsett stützte die Brust - einen BH in der gewohnten Form gab es erst etwa um 1900. Und eine dritte: Unterröcke und Mitte des 19. Jahrhunderts zusätzlich die Reifen des Krinolins wogen einiges. Sie wurden über dem Korsett festgebunden, sodass das Gewicht auf dem gesamten Oberkörper lag und nicht auf einem einzigen Band.
Unterhemd. Ein dünnes Hemd direkt auf der nackten Haut: Es wurde gewaschen, das Korsett dagegen fast nie.
Korsett. Es wurde über dem Unterhemd geschnürt. Von diesem Moment an hatte der Oberkörper eine Form.
Röcke. Die Unterröcke wurden über dem Korsett an der Taille festgebunden - es nahm das Gewicht auf.
Kleid. Das Oberteil kam zuletzt über die fertige Form - deshalb wurde es so eng geschnitten.
Das Schnüren bis zum Äußersten gab es, aber es war eine extreme Form: Karikaturisten machten sich schon damals darüber lustig, und Ärzte verurteilten es. Wie verbreitet es war, ist nicht genau bekannt.
Frauen ließen sich für eine schmale Taille die unteren Rippen entfernen.
Für eine solche Operation gibt es im 19. Jahrhundert keine bestätigten Fälle: Es handelt sich um eine bis heute lebendige urbane Legende. Die damalige Chirurgie war lebensgefährlich, und für eine schmale Taille ließen sich Frauen nicht operieren.
Die Legende lässt sich mit einem Lineal überprüfen: Korsetts sind in Museen erhalten geblieben. Eine Taille von 40 cm findet man dort fast nie.
Taillenmaße erhaltener Korsetts aus dem 19. Jahrhundert, ungefähr verteilt
Auf dem Feld und beim Ball getragen
Korsetts waren kein Privileg der Wohlhabenden. Wäscherinnen, Bäuerinnen und Fabrikarbeiterinnen trugen sie ebenfalls - in einer günstigeren und robusteren Ausführung, die lockerer geschnürt wurde. Nach den Berichten aus jener Zeit waren sie bei schwerer Arbeit eher eine Unterstützung als ein Hindernis. Und ohne Korsett das Haus zu verlassen, bedeutete ungefähr dasselbe, wie heute in Unterwäsche hinauszugehen.
Das Korsett verschwand nicht, weil Frauen plötzlich zur Einsicht kamen, sondern weil seine Aufgaben verschwanden. Der BH übernahm die Bruststütze, die Röcke wurden leichter und der Schnitt weicher: Ab den 1910er-Jahren hielten Kleider von selbst an den Schultern. Hinzu kam der Krieg: Frauen gingen in Fabriken arbeiten, wo ein steifes Gerüst störte. In den 1920er-Jahren war die Silhouette gerade geworden, und es gab nichts mehr zu formen.
Ein Korsett war kein Taillengürtel, sondern eine tragende Konstruktion: Unterwäsche, BH und Kleiderbügel in einem. Es verschwand nicht wegen eines Sittenwandels, sondern als andere Kleidungsstücke seine Aufgaben übernahmen.
Wozu brauchte ein Kleid ein Korsett?
Warum verschwanden Korsetts allmählich aus der Alltagskleidung?
Quellen
- Nach Museumssammlungen von Korsetts aus dem 18. und 19. Jahrhundert sowie Arbeiten von Kostümhistorikerinnen und Kostümhistorikern. Die Größenverteilung ist ungefähr: In Museen gelangten eher festliche Stücke als Arbeitskleidung. Die Verbreitung des Engschnürens wird anhand der Presse und von Karikaturen geschätzt
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