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Wer bei der Zensur entschied, was gestrichen wird

Miqo-Redaktion · 2 Quellen

So funktionierte es

  1. Themenliste. Es gab eine Liste mit Dingen, über die man nicht schreiben durfte. Oft war sie selbst geheim, und Autoren erschlossen ihren Inhalt aus den Ablehnungen.

  2. Lesen vor dem Druck. Das Manuskript gelangte zu einem Beamten. Er strich Passagen, verlangte Überarbeitungen oder verbot es vollständig.

  3. Stempel. Die Genehmigung wurde mit Unterschrift und Stempel festgehalten. Ohne beides durfte die Druckerei den Text nicht setzen.

  4. Verantwortung. Für alles, was durchrutschte, war der Beamte persönlich verantwortlich. Also strich er lieber vorsichtshalber zu viel.

Der vierte Schritt erklärt die wichtigste Besonderheit jeder Zensur. Für etwas, das durchgelassen wurde, fiel die Strafe immer härter aus als für etwas, das zu viel gestrichen wurde - deshalb verschiebt sich das System zwangsläufig in Richtung Verbot, selbst bei harmlosen Inhalten.

Daher kamen auch die berühmten Absurditäten: Gestrichen wurden Wetterbeschreibungen, geografische Namen und Erwähnungen von Krankheiten. Der Beamte wusste nicht, ob etwas gefährlich war, und entfernte es, weil Vorsicht nie bestraft wurde.

Was Autoren taten

Die Antwort war eine besondere Art zu schreiben: das Nötige so zu sagen, dass es formal nichts zu beanstanden gab. Die Handlung wurde in ein anderes Land oder eine andere Epoche verlegt, der Gedanke einer negativen Figur in den Mund gelegt und das Wichtigste in einer Fußnote oder einer Übersetzung versteckt.

Diese Technik hatte einen Nebeneffekt, über den seltener gesprochen wird. Lesende gewöhnten sich daran, überall nach einer zweiten Bedeutung zu suchen, und fanden sie auch dort, wo der Autor gar nichts dergleichen gemeint hatte.

Auch über das Format ließ sich die Zensur umgehen. Eine wissenschaftliche Publikation, ein Kinderbuch, die Übersetzung eines Klassikers oder eine amtliche Sammlung wurde anders und milder geprüft - und dort erschien, was den Weg in den gewöhnlichen Druck nicht schaffte.

Der wirksamste Teil des Systems kam allerdings ganz ohne Beamten aus. Weil der Autor wusste, was gestrichen würde, schrieb er es von vornherein nicht - und diese innere Bearbeitung hinterließ in keinem Archiv Spuren.

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Quellen

  1. Die Vorzensur beruhte auf Listen verbotener Themen und der persönlichen Verantwortung des Zensors für Durchgelassenes, wodurch sich Entscheidungen in Richtung Verbot verschoben
  2. Autoren reagierten mit Andeutungen und dem Ausweichen in Formate mit milderer Prüfung, während die häufigste Wirkung als Selbstzensur der Autoren gilt