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Warum Zeuginnen und Zeugen Unterschiedliches berichten

Miqo-Redaktion · 2 Quellen

Warum Menschen Unterschiedliches erinnern

  • Die Aufmerksamkeit verengt sich. Wenn eine Bedrohung bestand, bleibt der Blick auf sie gerichtet. Menschen beschreiben die Waffe detailliert und erinnern sich kaum an das Gesicht.
  • Die Zeit war knapp. Ein paar Sekunden vermitteln einen allgemeinen Eindruck, aber keine Einzelheiten. Danach wird der Eindruck zu einem vollständigen Porträt ergänzt.
  • Erwartungen füllen Lücken. Das Gehirn setzt Typisches ein: durchschnittliche Körpergröße, eine dunkle Jacke. Später ist das nicht mehr von dem zu unterscheiden, was tatsächlich gesehen wurde.
  • Eine Beschreibung in Worten schadet. Wer ein Gesicht in Worte gefasst hat, erkennt es bei einer Gegenüberstellung später schlechter: Die verbale Version verdrängt die visuelle.

Der letzte Punkt überrascht am meisten. Man könnte meinen, ein Gesicht zu beschreiben, würde es im Gedächtnis festigen. Experimente zeigen das Gegenteil: Eine detaillierte verbale Beschreibung verschlechtert das spätere Wiedererkennen, und dieser Effekt lässt sich zuverlässig wieder beobachten.

Auch der Blickwinkel spielt eine Rolle. Eine Person stand näher, eine zweite sah das Geschehen von der Seite, eine dritte sah den Rücken der weggehenden Person. Jede beschreibt ihr eigenes Sichtfeld, und die Abweichung ist genauso erwartbar wie der Unterschied zwischen Fotos aus verschiedenen Blickwinkeln.

Übereinstimmungen zwischen Zeuginnen und Zeugen sind wertvoll, Abweichungen bedeuten kaum etwas. Die Menschen haben Unterschiedliches gesehen, nicht dasselbe unterschiedlich erinnert.

Wie Ermittlerinnen und Ermittler damit umgehen

Die erste Regel lautet: Zeuginnen und Zeugen vor der Befragung trennen. Sobald sie ihre Eindrücke austauschen, nähern sich ihre Versionen einander an - und damit verschwindet die Möglichkeit, die eine mit der anderen zu überprüfen. Eine Übereinstimmung nach einem Gespräch bestätigt nichts mehr.

Die zweite Regel sind offene Fragen statt suggestiver Fragen. Die Frage „Trug er eine dunkle Jacke?“ fügt dem Gedächtnis eine dunkle Jacke hinzu. Deshalb bittet man die Person, frei zu erzählen, und fragt nur zu dem nach, was sie selbst genannt hat.

Die dritte Regel lautet: sofort und wortwörtlich aufschreiben. Jede erneute Schilderung verändert eine Erinnerung ein wenig, und eine Version von vor einer Woche unterscheidet sich von der ersten. Die erste Schilderung ist wertvoller als alle späteren, selbst wenn sie kürzer und unklarer ist.

Auch die Sicherheit verdient eine eigene Erwähnung. Eine Zeugin oder ein Zeuge, die oder der detailliert und ohne zu zögern berichtet, wirkt zuverlässiger als eine unsichere Person. Tatsächlich bedeutet Detailreichtum oft, dass mehr ergänzt wurde, während Unsicherheit ehrlich auf Lücken hinweisen kann.

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Quellen

  1. Die Verengung der Aufmerksamkeit bei einer Bedrohung und die Verschlechterung des Wiedererkennens von Gesichtern nach ihrer verbalen Beschreibung sind in der experimentellen Psychologie bestätigt
  2. Empfehlungen zur getrennten Befragung von Zeuginnen und Zeugen gehören zu den Ermittlungsleitlinien