Eine Nacht in zwei Teilen
Ein Historiker, der Gerichtsakten, Tagebücher und Briefe untersuchte, stieß darin auf feste Wendungen: erster Schlaf und zweiter Schlaf. Sie wurden beiläufig und ohne Erklärung erwähnt, als etwas, das allen klar war.
Der Ablauf war ungefähr so: Man ging kurz nach Einbruch der Dunkelheit zu Bett, schlief einige Stunden, wachte um Mitternacht auf und blieb ein oder zwei Stunden wach. Danach schlief man bis zum Morgengrauen weiter.
- SonnenuntergangMit der Dunkelheit endet die Arbeit, und künstliche Beleuchtung ist teuer und schwach.
- MitternachtDie Menschen wachen von selbst auf, ohne Wecker und ohne sich darüber Sorgen zu machen.
- Ein oder zwei StundenSie beten, unterhalten sich, reparieren Kleinigkeiten und besuchen Nachbarn.
- MorgengrauenSie stehen bei Tagesanbruch auf und beginnen den Tag.
Dieses Intervall wurde als ruhige Zeit beschrieben, die sich gut zum Reden und Nachdenken eignete. In manchen Texten wird es ausdrücklich zum Beten empfohlen, in anderen zur Zeugung von Kindern, weil man bis dahin Zeit gehabt hatte, sich auszuruhen.
Wohin verschwand diese Gewohnheit?
Das Verschwinden wird mit dem Aufkommen günstiger, heller Beleuchtung in Verbindung gebracht. Der Abend wurde länger, die Schlafenszeit verschob sich nach hinten, und die Dunkelheit reichte nicht mehr aus, um die Nacht in zwei Teile zu teilen: Es blieb genau Zeit für einen Schlaf.
Zweiteiliger Schlaf ist die natürliche Norm, zu der wir zurückkehren sollten.
Dieses Muster tritt bei langen Dunkelphasen auf: In einem Experiment, bei dem Menschen 14 Stunden Dunkelheit pro Tag ausgesetzt waren, teilte sich der Schlaf bei einem Teil der Teilnehmenden in zwei Phasen. Das ist jedoch eine Reaktion auf die Bedingungen und nicht der einzig richtige Rhythmus.
Eine andere Schlussfolgerung ist hilfreicher. Wenn du nachts aufwachst, bedeutet das nicht unbedingt, dass etwas nicht stimmt: Kurze Wachphasen sind auch im Normalfall möglich. Die Sorge darüber richtet mehr Schaden an als das Aufwachen selbst.
Auch die Reichweite dieses Befunds solltest du im Blick behalten. Es geht um europäische Quellen aus einer bestimmten Zeit, nicht um die gesamte Menschheit. In Gesellschaften mit einem anderen Klima und einem anderen Tagesablauf werden andere Schlafrhythmen beschrieben.
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Quellen
- Hinweise auf den ersten und zweiten Schlaf wurden in europäischen Quellen der frühen Neuzeit gefunden
- in einem Experiment mit längerer Dunkelheit teilte sich der Schlaf bei einem Teil der Teilnehmenden in zwei Phasen