Du hast es gelernt wie Fahrradfahren
Fast nichts von dem, was dir vor deinem 3. oder 4. Lebensjahr passiert ist, ist als Episode gespeichert: Das Hirnsystem, das Erinnerungen zu einer Geschichte mit Worten und Zeitangaben ordnet, reift später aus. Dafür arbeitet ein anderes System fast von Anfang an - das, das nicht Ereignisse, sondern Handlungsabläufe speichert. Es speichert auch Fahrradfahren, Tippen auf der Tastatur und den Weg nach Hause.
Darin wurde auch das Verhalten deiner Eltern gespeichert: Mit welchem Tonfall ein Streit beginnt, wie lange das Schweigen danach dauert, welchen Gesichtsausdruck jemand eine Sekunde vor dem Schreien hat, was man tut, wenn man Angst hat. Nicht als Regel, gegen die du argumentieren kannst - als Bewegung, die einfach passiert.
Darum fühlt sich Wiederholung so seltsam an. Du erinnerst dich nicht daran, dass deine Mutter das so gemacht hat - du hörst ihren Satz schon mit deiner eigenen Stimme gesagt. Zwischen Anlass und Reaktion passt kein Gedanke: Dein Körper ist schneller. Am deutlichsten wird das, wenn du müde, unausgeschlafen oder erschrocken bist: Unter Belastung läuft das am leichtesten, was am stärksten eingeübt ist.
Weitergegeben wird nicht die Kindheit, sondern die Geschichte darüber
Ende der Achtziger entwickelten Psycholog:innen einen Test: Sie befragten etwa hundert Frauen noch während der Schwangerschaft ausführlich über ihre eigene Kindheit und schauten ein Jahr später, wie sich das einjährige Kind ihnen gegenüber verhielt. Die Vorhersage traf in etwa 3 von 4 Fällen zu. Später wurde das über 18 Stichproben hinweg erneut berechnet - die Trefferquote blieb gleich.
So oft entsprach das Verhalten eines Kindes ungefähr der Vorhersage aus dem Bericht seiner Mutter über ihre Kindheit
Am überraschendsten: Nicht die Schwere der Kindheit sagte es voraus. Auch Frauen mit schwieriger Vergangenheit hatten genauso oft ruhige und sicher gebundene Kinder, wenn die Mutter ihre Vergangenheit zusammenhängend erzählen konnte: mit Details, mit dem Eingeständnis von Schmerz, ohne etwas zu beschönigen und ohne mitten im Satz in Kränkung zu versinken. Ein bruchstückhafter oder geschönter Bericht sagte Wiederholung voraus.
Die Lücke in der Erklärung räumen die Forschenden selbst ein: Was von außen sichtbar ist - wie feinfühlig eine Mutter auf Weinen reagiert - erklärt nur einen Teil des Zusammenhangs. Der Rest beruht auf etwas, das sich bislang nicht wirklich messen ließ.
Der Zusammenhang zwischen dem Bericht eines Elternteils über die Kindheit und dem Verhalten des Kindes zeigt sich über Stichproben hinweg - worauf er genau beruht, ist aber bis heute umstritten
„Weitergegeben“ heißt hier deshalb nicht „vorbestimmt“. Es ist eine Verschiebung der Wahrscheinlichkeiten: Das Muster macht eine Reaktion zur schnellsten, aber nicht zur einzigen verfügbaren.
Warum kommt eine vertraute Reaktion schneller als ein Gedanke?
Was hilft, das Muster nicht weiterzugeben?
Quellen
- P. Fonagy, H. Steele, M. Steele, Child Development, 1991
- M. van IJzendoorn, Meta-Analyse der Vorhersagekraft des Adult Attachment Interview, Psychological Bulletin, 1995
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