Wie wurde das gemessen?
Die Teilnehmenden wurden um Hilfe gebeten: Einer Gruppe erzählte man die Geschichte eines Kindes mit Namen und Foto, einer anderen von Millionen Bedürftigen, einer dritten zeigte man beides. Verglichen wurde, wie viel die Menschen zu geben bereit waren.
Das überraschendste Ergebnis zeigte sich in der dritten Gruppe. Die Statistik zur Geschichte eines Kindes verstärkte die Reaktion nicht, sondern schwächte sie. Zahlen schienen das Mitgefühl auszuschalten, das bereits für eine konkrete Person entstanden war.
Eine Erklärung dafür ist, dass Mitgefühl über innere Bilder funktioniert. Einen Menschen kannst du dir vorstellen: sein Gesicht, sein Zimmer, seinen Tag. Eine Million Menschen kannst du dir nicht vorstellen. An die Stelle des Bildes tritt eine Abstraktion, auf die das emotionale System nicht reagiert.
Effekt des identifizierbaren Opfers: in verschiedenen Versuchsanordnungen reproduziert
Was daraus folgt
Die erste Konsequenz ist praktischer Natur: Jeder Spendenaufruf baut auf einer Geschichte auf. Das ist keine Manipulation um ihrer selbst willen, sondern der einzige Weg, unsere Unempfindlichkeit gegenüber Zahlen zu durchbrechen.
Die zweite Konsequenz ist unangenehmer. Unsere Hilfsbereitschaft hängt nur schwach mit dem Ausmaß der Katastrophe zusammen. Ein Ereignis, das Millionen betrifft, kann weniger Reaktion auslösen als das Schicksal eines einzelnen Menschen - und dadurch wird Hilfe ungerecht verteilt.
Daraus ergibt sich eine Empfehlung der Forschenden auf diesem Gebiet: Wenn begrenzte Hilfe verteilt werden muss, solltest du dich auf Berechnungen statt auf die Stärke der Reaktion verlassen. Dein Gefühl sagt dir vielleicht, wem du helfen möchtest, aber nicht, wo Hilfe am dringendsten gebraucht wird.
Auch die andere Seite sollte man beachten. Die Fähigkeit, auf einen einzelnen Menschen zu reagieren, ist kein Fehler, sondern überhaupt die Grundlage dafür, dass Hilfe möglich ist. Das Problem liegt nicht in dieser Fähigkeit, sondern darin, sie dort einzusetzen, wo es um Tausende geht.
Manchmal wird auch der umgekehrte Ansatz versucht: eine Person als Beispiel für viele zu zeigen. Das funktioniert uneinheitlich, weil der Hinweis auf das Ausmaß dieselbe Unempfindlichkeit gegenüber Zahlen zurückbringt.
Forschende weisen außerdem auf das Gefühl der Hilflosigkeit hin. Wenn eine Katastrophe zu groß wirkt, kann der Gedanke entstehen, dass dein Beitrag nichts verändert - und auch das senkt deine Hilfsbereitschaft.
Wie verändert sich die Hilfsbereitschaft, wenn die Zahl der Betroffenen steigt?
Was passiert, wenn zur Geschichte einer Person Statistiken hinzukommen?
Quellen
- Der Rückgang der Hilfsbereitschaft mit zunehmender Zahl der Betroffenen wurde in der Entscheidungspsychologie beschrieben
- die Ergänzung der Geschichte einer Person durch Statistiken verringerte die Reaktion
Weiter in der Reihe „Empathie“
2 Artikel vollständig auf der Website, noch 3 in der App
