Der Chirurg, der Tage zählte
Wenn du schon einmal angefangen hast zu joggen oder Tagebuch zu schreiben, hat man dir bestimmt versprochen: Halte drei Wochen durch, dann läuft es von selbst. Drei Wochen sind 21 Tage, und die Zahl klingt, als hätte sie jemand gezielt berechnet.
Ja, aber nicht dafür. 1960 veröffentlichte der amerikanische plastische Chirurg Maxwell Maltz das Buch „Psycho-Cybernetics“. Darin schildert er eine Beobachtung aus seiner Praxis: Ein Patient brauche „mindestens etwa 21 Tage“, um sich an ein neues Gesicht im Spiegel zu gewöhnen. Für das Gefühl einer Phantomgliedmaße nach einer Amputation nannte er ungefähr denselben Zeitraum.
Maltz schrieb über die Gewöhnung an einen veränderten Körper, nicht darüber, wie sich eine neue Handlung festigt. Und er schrieb „mindestens etwa“. Das Buch wurde jahrzehntelang weitererzählt, in Trainings, Artikeln und Seminaren. Dabei fiel die Einschränkung weg, das Thema wurde ausgetauscht, und übrig blieb nur: „21 Tage und die Gewohnheit ist etabliert“.
Jede Gewohnheit bildet sich in 21 Tagen, das ist bewiesen.
Die Zahl stammt aus einem Buch eines Chirurgen von 1960 über die Gewöhnung an das eigene Aussehen nach einer Operation. Es war die Beobachtung eines Arztes, kein Experiment zu Gewohnheiten.
Was herauskam, als Gewohnheiten gemessen wurden
In einer 2010 veröffentlichten Studie des University College London wählten 96 Menschen eine einfache Handlung aus, etwa ein Glas Wasser zum Mittagessen oder einen Spaziergang nach dem Abendessen, und wiederholten sie jeden Tag in derselben Situation. Jeden Abend vermerkten sie, wie automatisch sich die Handlung anfühlte: ohne nachzudenken, einfach so.
Bei den meisten sah die Kurve ähnlich aus: zunächst ein schneller Anstieg, dann ein immer flacherer Verlauf und schließlich ein Plateau. Der Median lag bei 66 Tagen. Interessanter als der Median war aber die Spannweite: Bei der schnellsten teilnehmenden Person trat das Plateau am 18. Tag ein, während die Modellberechnung für die langsamste Person etwa 254 Tage ergab.
Auch die Art der Handlung spielte eine Rolle: Ein Glas Wasser zu trinken festigte sich schneller als eine Übung wie Kniebeugen. Und ein ausgelassener Tag brachte die Kurve nicht merklich durcheinander, entgegen der Regel „Unterbrich die Kette nicht“.
Die Frage „Wie viele Tage dauert es?“ hat also keine eindeutige Antwort. Deine morgendliche Dehnung kann in einem Monat automatisch werden, während es ein halbes Jahr dauern kann, das Handy vor dem Schlafengehen wegzulegen.
66 Tage sind ein Richtwert aus einer kleinen Studie, in der die Teilnehmenden selbst einschätzten, wie automatisch die Handlung ablief. Verlässlich ist die Richtung: Wochen und Monate, nicht drei Wochen. Eine exakte Zahl gibt es nicht.
Deshalb sind 21 Tage nicht an sich problematisch, sondern als Frist. Am 22. Tag ist es leicht zu denken, dass mit dir etwas nicht stimmt, obwohl du einfach mitten in einer normalen Spannweite liegst.
Warum eignet sich eine Frist von drei Wochen nicht für eine Gewohnheit?
Was hilft einer Gewohnheit, sich ohne zusätzlichen Druck zu festigen?
Quellen
- Maxwell Maltz, „Psycho-Cybernetics“, 1960. Lally et al., „How are habits formed: Modelling habit formation in the real world“, European Journal of Social Psychology, 2010
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