Dokumente und Tagebücher zeigen Unterschiedliches
Ein offizielles Dokument wird erstellt, um etwas festzulegen: jemanden zu ernennen, Bericht zu erstatten oder eine Genehmigung zu erteilen. Es enthält die Entscheidung, aber nicht das Leben drum herum. Ein Tagebuch wird ohne bestimmten Zweck geschrieben und hält deshalb Dinge fest, an deren Aufzeichnung niemand dachte.
Was beschlossen wurde, wer verantwortlich war, wie viel bewilligt wurde
Womit geheizt wurde, was gegessen wurde, wen man fürchtete, worüber man schwieg
Eines der bekanntesten Beispiele ist ein Londoner Beamter des 17. Jahrhunderts, der für sich selbst Tagebuch führte und nebenbei die Pest und den Großen Brand von innen beschrieb: wie es roch, wohin die Menschen flohen und was sie noch hinausbringen konnten. Die offiziellen Dokumente desselben Jahres nennen Zahlen und Anordnungen, aber sie können nicht zeigen, wie es sich anfühlte.
Wonach Historiker in einem Tagebuch suchen
Der letzte Punkt ist der kniffligste. Ein Autor kann ein Thema aus Angst, Anstand oder deshalb umgehen, weil es für ihn zu alltäglich ist, um es zu erwähnen. Welcher Fall vorliegt, lässt sich nur durch den Vergleich mehrerer Tagebücher aus derselben Zeit klären.
Warum du Tagebücher nicht für bare Münze nehmen darfst
Diese Quelle hat eine systematische Verzerrung. Geschrieben haben diejenigen, die schreiben konnten und Zeit dafür hatten, während die erhaltenen Tagebücher von Nachkommen für bewahrenswert gehalten wurden. Die Stimmen der Analphabeten sind kaum bis zu uns gelangt.
Die zweite Verzerrung liegt im Genre selbst. Viele führten Tagebuch mit Blick auf eine künftige Leserschaft und zensierten sich beim Schreiben. Einträge aus Kriegsjahren durchliefen oft zusätzlich eine Zensur, und manchmal überarbeitete der Autor sie Jahre später, als er bereits wusste, wie alles ausgegangen war.
Deshalb steht ein Tagebuch in der Arbeit von Historikern fast nie für sich allein. Es wird neben Kirchenbücher, Rechnungen, Zeitungen und andere Tagebücher gelegt, und die Wahrheit ergibt sich aus ihren Schnittmengen. Ein einzelner Eintrag taugt als Detail, aber nicht als Beweis.
Warum sind langweilige Tagebucheinträge für Historiker besonders nützlich?
Was hilft zu verstehen, warum ein Tagebuchautor über ein wichtiges Thema schweigt?
Quellen
- Gemeint ist das Tagebuch von Samuel Pepys aus den 1660er-Jahren, eine der detailliertesten Quellen der Epoche zum Alltagsleben. Die Quellenkunde beschreibt die Probleme der Auswahl und der Selbstzensur in persönlichen Quellen
Weiter in der Reihe „Briefe und Tagebücher“
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