Du vergleichst nicht mit der Realität, sondern mit einer Skizze
Wenn die Entscheidung gefallen ist, bleibt dir ein Ergebnis - mit all seinen Unbequemlichkeiten: ein Job mit langem Arbeitsweg, eine Wohnung mit dünnen Wänden, ein Abend, der langweilig verlief. Die nicht gewählte Option bleibt eine Skizze. In der Skizze gibt es keine Staus, keine lauten Nachbarn nebenan, keine peinliche Pause am Tisch. Du vergleichst eine detaillierte Realität mit einer Skizze, aus der alles Langweilige gestrichen wurde.
Diese Gewohnheit hat einen Namen - kontrafaktisches Denken: Wir spielen das Geschehene gedanklich noch einmal durch. „Wäre ich zehn Minuten früher losgegangen“, „hätte ich doch zugesagt“. An sich ist das nützlich: So ziehen wir aus Erfahrungen eine Lehre für das nächste Mal. Reue ist eine Nebenwirkung dieser Arbeit, keine Fehlfunktion.
Reue sitzt selten am Rand der Skala. Meist ist sie hier: Man kann damit leben, alles ist okay - aber es nagt leise.
Wie laut sie wird, hängt davon ab, wie nah das andere Ergebnis war. Silbermedaillengewinner wirken auf Wettkampffotos oft enttäuschter als Bronzemedaillengewinner: Mit Silber kann man sich leicht Gold vorstellen, mit Bronze dagegen gar keine Medaille. Das zeigten die Psychologin Victoria Medvec und Thomas Gilovich mit Kolleginnen und Kollegen anhand von Aufnahmen der Olympischen Sommerspiele 1992.
Warum manche Entscheidungen länger brennen
Je mehr Optionen du erwogen hast, desto mehr Stoff gibt es für das „Was wäre, wenn?“: Jede verworfene Option bleibt als Kandidatin in Erinnerung. Daher kommt die verbreitete Idee, dass eine große Auswahl uns unglücklicher macht. Hier lohnt es sich, innezuhalten: Als Studien dazu zusammengeführt wurden, lag der durchschnittliche Effekt nahe null - in manchen war er deutlich, in anderen verschwand er. Die Belege sind also schwach: Das ist kein Gesetz, sondern ein Effekt, der je nach Bedingungen mal auftaucht und mal verschwindet.
Deutlicher ist ein anderes Muster - über die Zeit. In den nächsten Tagen brennt eher das, was du getan hast: Du hast zu viel gesagt, unüberlegt zugestimmt, bist zuerst gegangen. Über Jahre hinweg bereuen Menschen dagegen häufiger das Nichtgetane - einen Umzug, den sie nicht gemacht haben, den nicht geschriebenen Brief, das nicht geklärte Gespräch. Handlungen haben Folgen, die man betrachten und abhaken kann. Beim Nichtstun bleibt nur eine offene Frage, und es gibt nichts, womit man sie schließen könnte.
Der dritte Faktor ist, ob sich die Entscheidung rückgängig machen lässt. Solange du sie rückgängig machen kannst, bleibt der Vergleich eingeschaltet; wenn die Tür geschlossen ist, beginnt dein Kopf zu erklären, warum alles doch in Ordnung war. Die Daten dazu sind nicht ganz eindeutig, aber das Gefühl kennst du: Eine endlose „Probezeit“ zermürbt mehr als ein endgültiges „Ja“.
Du vergleichst dein Ergebnis - mit all seinen Unebenheiten - mit einer Option, deren Unebenheiten noch keine Zeit hatten, sichtbar zu werden. Der Vergleich ist nicht symmetrisch, und die Realität verliert dabei immer.
Warum wirkt die nicht gewählte Option oft besser als die gewählte?
Was kann Reue über eine nicht gewählte Option abschwächen?
Quellen
- Kontrafaktisches Denken beschrieben Daniel Kahneman und Dale Miller (1986)
- den Silbermedaillen-Effekt Victoria Medvec, Scott Madey und Thomas Gilovich (1995)
- Reue über Getanes und Nichtgetanes auf unterschiedliche Zeiträume Thomas Gilovich und Victoria Medvec (1994). Zur großen Auswahl: eine Metaanalyse von Benjamin Scheibehenne und Mitautorinnen und Mitautoren (2010): Der durchschnittliche Effekt liegt nahe null
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